Project view - Geschichten aus dem Rosenplatzquartier in Osnabrück

 Deutsch
 

Project text:


Mit alten Fotos in der Tasche und der Kamera in der Hand zogen wir los und schauten, was uns die alten Bilder aus dem Rosenplatzquartier erzählen könnten, wen eine Geschichte damit verbindet. So kamen wir in Kontakt mit Menschen, die auf verschiedenste Weise einen Bezug zum Viertel haben und uns aus ihrer Perspektive ihre Geschichte erzählten. Sei es als Hausbesitzer, als Angestellte, als Bewohner, als Arbeiterin. Auf unserer Entdeckungsreise erlebten wir eine Menge eindrucksvolle aber auch lustige Dinge. So erklommen wir den Kirchturm der Lutherkirche, von dem wir die ganze Stadt unter uns sehen konnten, wir kletterten auf Dächer und mussten in fremde Wohnungen, um die Perspektiven zu bekommen, aus der die alten Bilder geschossen wurden. Und so bot sich für uns ein weiterer Blickwinkel auf die alten Fotos: wir erfuhren nicht nur die Geschichte eines Bildes sondern erlebten auch die Umgebung, in der dieses Bild entstanden war.

Warum ausgerechnet das Rosenplatzquartier? Es ist ein Viertel, das eine lange und bewegte Geschichte hinter sich hat und auch heute durch seine Vielfalt und unterschiedlichen Kulturen hervor sticht. Hier gibt es die Eckkneipe neben dem Afro-Shop, das türkische Café neben dem Computergeschäft, die Dönerbude gegenüber vom Asia-Imbiss. Einige empfinden das Rosenplatzquartier als sozialen Brennpunkt, andere lieben es wegen seiner Atmosphäre und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, die ein Zusammenleben von etwa 72 Nationen mit sich bringt. Es ist seit langem aber auch ein Viertel, das das Leben vieler armer Leute kennt. Wir erfuhren, dass es rund um die Johannisstraße in den Hinterhöfen kleine Werkstätten in den Wohnungen gab, wo Frauen als Zigarrendreherinnen ein Zubrot erarbeiteten während die Männer als Tagelöhner oder Hausierer für den geringen Familienunterhalt sorgten. So zeigt sich, dass Armut eine lange Geschichte im Rosenplatzquartier hat und sich bis heute an der ökonomischen Situation der Bewohnerinnen und Bewohner des Viertels nicht viel geändert hat.

Hier leben Menschen, die neu hinzugezogen sind neben alteingesessenen. Dies spiegelt sich auch in der unterschiedlichen Bebauung wider. Zum einen finden wir ganz alte, hoch herrschaftliche Gebäude und zum anderen recht einfache Neubauten, die heute da stehen, wo früher...ja, was denn eigentlich? Dies herauszufinden, haben wir uns zum Ziel gemacht und sind auf Entdeckungsreise gegangen, um den Blick hinter, unter und zwischen die Fassaden streifen zu lassen, um zu schauen, wer noch was weiß und wer sich erinnert.

Durch unsere Gespräche mit Menschen, die eine besondere Bindung zum Viertel haben, konnten wir weit in die Geschichte zurückgehen. So fanden wir heraus, dass das Rosenplatzquartier schon seit Jahrhunderten immer wieder Menschen ein Zuhause gab, die auf Grund von Kriegen oder aus wirtschaftlichen Gründen ihre alte Umgebung verlassen mussten. Betrachtet man die Geschichte des Viertels, wird deutlich, dass es eine Gegend ist, die schon immer sehr lebendig, bunt und in sich verschieden war. Das Viertel gehört zur etwa 1000 Jahre alten Osnabrücker Neustadt, die früher durch den Neuen Graben von der Altstadt getrennt war. Zu dieser Zeit gab es hier nur Ackerland, Wiesen und ein paar vereinzelte Bauernhöfe. Um 1300 herum wurde die Stadtmauer gebaut. Dadurch lag ein Teil der Neustadt hinter der Stadtbefestigung und der andere Teil – südlich des Johannistorwalls – lag außerhalb. Während innerhalb der Stadtmauer viele reiche Leute lebten, darunter auch Fürsten, siedelten sich außerhalb ärmere Leute an. Aus einem ganz einfachen Grund: durch fehlenden Schutz vor Kriegen, Banditen, Dieben und anderen Gefahren war es hier viel billiger zu wohnen.

Der Rosenplatz, der seinen Namen von den Rosenbüschen bekommen hat, die die Frau eines Fürstbischofs vor Jahrhunderten hat anpflanzen lassen, war früher ein großes, freies Gelände, auf dem viele große Feste abgehalten wurden und bis vor nicht allzu langer Zeit das lebendige Zentrum der Neustadt.

Die Iburger Straße und ihre Verlängerung, die Johannisstraße, gibt es vermutlich schon sehr, sehr lange. Die Funde von Großsteingräbern sagen uns, dass es diesen Weg schon seit der Steinzeit gibt. Auch die Johanniskirche ist an einer Stelle erbaut worden, wo früher ein Steingrab war. Seit etwa 1500 wurde an der Iburger Straße gesiedelt und nach und nach entstanden hier immer mehr Häuser. So wurde ab etwa 1780 die nördliche Seite des Rosenplatzes bebaut bis er schließlich seit 1840 vollständig von Gebäuden umrahmt ist.

Im Zuge der Unabhängigkeitskriege in den Niederlanden um 1600 kamen viele Flüchtlinge in die Neustadt. Und mit ihnen eine große Zahl an Wollwebern, die hier Arbeit und ein kleines Einkommen fanden. Auch gab es immer Landarbeiter in der Gegend um den Rosenplatz, die den Stadtteil in seiner Ausprägung bereicherten. Jedoch gibt es kaum Quellen über ihren Verbleib. Eine weitere Migrationswelle stellte 1870-1900 die Zuwanderung von ausgebildeten Stahlarbeitern dar, die aus Polen, Schlesien und dem Ruhrgebiet kamen und sich hier ansiedelten. Etwa 35.000 Metallbauer gab es zu dieser Zeit in der Stadt, von denen etwa zwei Drittel im Schinkel, einem angrenzenden Stadtteil, und ein Drittel in der Neustadt lebten.

Nachdem der 2. Weltkrieg tiefe Spuren auch im Rosenplatzquartier hinterlassen hatte, wurde ein Großteil der noch bestehenden Gebäude abgerissen und neu wiederaufgebaut. So entstand dort, wo früher vielleicht ein Park war, eine Straße, dort, wo früher ein altes Werksgelände war eine Siedlung, dort früher ein Brunnen stand, eine Ampel... Es fehlten 80.000 Wohnungen und 45.000 Menschen waren obdachlos. Es gab Pläne, die gesamte Innenstadt Osnabrücks einzureißen und völlig neu aufzubauen. Doch nachdem die Durchsetzung der Pläne scheiterte, wurde die Altstadt wieder restauriert – dadurch fehlte das Geld für den Aufbau der alten Gebäude in der Neustadt. Hier entstand nun eine geschlossene Bebauung mit vielen Wohnblocks, die ein günstiges Wohnen ermöglichten.

Ein weiterer Grund für die Wahl des Rosenplatzquartiers als Ort für das Projekt liegt in der 2001 festgelegten besonderen Förderungswürdigkeit. So wurde das Rosenplatzquartier im Rahmen der Gemeinschaftsinitiative „Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die Soziale Stadt“ für die Dauer von 10 Jahren zum Förder- und Sanierungsgebiet erklärt. Das Ziel dieser Initiative ist die Verbesserung der Wohn- und Lebensqualität und die Förderung des Austauschs unter den Bewohnerinnen und Bewohnern des Viertels.

Vor diesem Hintergrund wurde das Projekt „Geschichten aus dem Rosenplatzquartier“ von LOS (Lokales Kapital für soziale Zwecke), dem Europäischen Sozialfonds und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und durch das Gemeinschaftszentrum Ziegenbrink in Kooperation mit dem Centre for Modern Education (CfME) umgesetzt.

Unser Dank geht an die Menschen, die das Projekt durch ihre Mitarbeit bereichert und möglich gemacht haben sowie an die vielen anderen hier nicht namentlich genannten Personen, die uns mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben: Familie Krone, Herr Scheil, Herr Cheeseman, Frau Künkel (Stadtteilbüro), Familie Keßling, Herr Petau, Herr Bensmann, Herr Kuyumcugil, Herr Quade, Herr Wallmann, Herr Gölbasi, Fam. Heuer, Frau Wöstmann, Frau Huhmann, Frau Raffelt, Herr Wehmeyer, Herr Glosemeyer.

Nun laden wir Sie herzlich ein, sich durch die Ausstellung der Fotografien und Texte unseres Projektes „Geschichten aus dem Rosenplatzquartier“ zu bewegen.

Weiterhin danken wir unseren o.g. Förderern:

The project contains these units:

Page 1  2  3  4  5  6  
Die Iburger Straße vom Turm der Lutherkirche in Richtung Innenstadt. Vermutlich gibt es sie seit der Steinzeit - natürlich nur als Weg und ohne Häuser
Die evangelische Lutherkirche an der Iburger Straße in Richtung Innenstadt. Sie wurde 1909 eingeweiht und ist einer der Blickpunkte des Stadtteils.
Katholische Kirchengemeinde St. Joseph
Die Werksbahn der Fa. Hammersen kreuzte früher die Iburger Straße Ecke Wörthstraße. Im Hintergrund ist die alte Konditorei & Café Mönter zu sehen.
Der Betrieb der Werksbahn der Fa. F.H. Hammersen AG wird eingestellt.
Page 1  2  3  4  5  6  


TrainLMS